Der Pilgerweg um den Arunachala war anfangs enttäuschend

Der Pilgerweg um den Arunachala war anfangs enttäuschend

16. Januar 2020 Aus Von Tommy Seiter

Als ich letztes Jahr mit dem enormen Kraftplatz Tiruvannamalai in Südindien in Kontakt kam, hatte das eine tief greifende Wirkung. Ich wusste schnell, dort war ich nicht das letzte Mal und vielleicht auch nicht das erste Mal.
Hier wird seit Jahrhunderten der Heilige Berg Arunachala verehrt, der die Manifestation des Hindu Gottes Shiva ist. Zu Vollmond findet die Lobpreisung Shivas mit der Umrundung des Berges ihren Höhenpunkt. Viele tausende Pilger nehmen monatlich daran teil.

Der hoch verehrte Berg Arunachala in Tiruvanamalai
Der hoch verehrte Berg Arunachala in Tiruvanamalai

Nach dem ich letztes Jahr nur ein paar Kilometer mitgegangen bin und unglaublich starke, unvergessliche Begegnungen mit Sadhus und anderen Pilgern hatte, war es für mich klar, – dieser Weg ist zu vollenden. Wenn schon ein kleiner Teil des Pilgerweges mich derartig flashte, was würde dann die vollkommene Umrundung in mir auslösen. So reiste ich mit großen Erwartungen zwei Tage vor Vollmond an, insgesamt wollte ich vier Tage bleiben, um danach verschiedene andere Plätze in Tamil Nadu aufzusuchen.
ich war froh von Chennai aus nach ca. 5 Stunden Taxifahrt gut in der einfachen Unterkunft angekommen zu sein.
Schnell war ich wieder ergriffen von der unheimlichen Energie an diesem Ort.

Tiruvanamalai mit Blick auf den Arunachaleswarar Tempel
Tiruvanamalai mit Blick auf den Arunachaleswarar Tempel

Es zog mich gleich in den verheißungsvollen Ashram des großen Heiligen des 20. Jahrhunderts Sri Ramana Maharshi und dann stapfte ich einen Weg den Heiligen Berg hoch. Hatte keine Ahnung, wohin es ging, ließ mich führen und der gepflasterte Pfad zeigte mir zumindest symbolisch wo mich der Weg in führt – direkt ins Herz. es zeigten sich mir unendlich viele herzförmige Pflastersteine – der Weg ist das Ziel!

Wie so oft hatte ich wieder mal keine Ahnung, dass Hochsaison war und in diesen Tagen auch noch der 140. Geburtstag Ramanas gefeiert wurde. Dies bedeutete, dass der ganze Ashram voll war mit hunderten von Menschen, ich meine mehr Westler, als Inder. Ich kam wieder rechtzeitig zu einer großen Zeremonie, wobei der zentrale Lingam, begleitet von Gesängen, andauernd mit Milch übergossen wurde. Ich bin gern bei derartig rituellen Handlungen dabei und mache immer alles ohne Vorurteile mit, um eine etwaige Wirkung selbst zu erfahren. Die abrinnende Milch wird in einem Bottich aufgefangen und anschießend über eine Steinrinne nach aussen geleitet, wo sich die Gläubigen sogleich auf das weiße Rinnsal stürzten, einen Schluck davon tranken und auf den Kopf rieben. Ich natürlich auch und sogleich setze mein Kopf ein: „Du kannst ja nicht vom schmutzigen Boden in Indien die Milch trinken!!!“ – Und malte mir schnell aus, wie viele Möglichkeiten es gab, wie, die leider schon getrunkene Milch, mit schädlichen Keimen kontaminiert hätte werden können. Naja zu spät, vielleicht brauche ich ja noch eine Reinigung durch Erbrechen, versuchte ich mich zu beruhigen.

Puja im Ramana Maharshi Ashram
Puja im Ramana Maharshi Ashram

Ich ließ mich im Ashram nieder und beobachtete das bunte Treiben. Schnell tauchten Wertungen in mir auf, weil so viele westliche Sinnsucher andächtig in himmlischen Gewändern das Heiligtum umrundeten und die verschiedensten Meditonsformen ausübten. „Was machen die denn da alle, ist das eine Modenschau, eine Selbstdarstellung? Ist das ehrlich, haben die schon was gefunden und wenn nicht, was suchen sie?“ Zum Glück erkenne ich jetzt Projektionen immer schneller und sehe meinen Anteil daran und muss es nicht mehr bewerten, – natürlich bin auch ich ein Teil dieser schrägen Entwicklung, dass wir um die halbe Welt reisen, um spirituelle Erfahrungen zu machen. Ich habe noch dazu überhaupt keine Ahnung von den Gebräuchen, wobei die Mitsucher wissend zu sein scheinen, wenn ich ihr selbstbewusstes Auftreten beobachte. Egal, ich will gar nichts wissen, sondern die Erfahrung möglichst erspüren.

Feierlichkeiten zum 140. Geburtstag des Heiligen Ramana Maharshi
Feierlichkeiten zum 140. Geburtstag des Heiligen Ramana Maharshi

Da im Ramana Ashram dieser Tage immer extrem viel los war begab ich mich immer gern in die zahlreichen kleinen umliegenden Tempel, wo dann auch hauptsächlich Inder ihre täglichen Riten zelebrierten, – und ich war immer gerne eingeladen bei den Pujas hautnah dabei zu sein. Trotz der vielen Touristen fühlte ich mich schnell wohl, was sicher auch an der viel beschrieben Energie des Arunachala liegt, die eben für sehr viele anziehend ist.

Meditation Tommy Seiter Arunachala Tiruvanamalai Tempel
Ich ließ mich gern in den kleineren kraftvollen Tempeln nieder.

Der Vollmond zum 10.1.2020 war der lang ersehnte Tag der Bergumrundung. Da sich an diesen Tagen immer auch besonders viele Babas, die heiligen Männer Indiens, um den Berg versammeln freute ich mich wieder auf viele ausdrucksstarke Portraits und ein abermals euphorisches Erleben. Alles geplant, – ich wollte schon nachmittags starten, dass eben noch gutes abendliches Licht für die erwarteten Portraits war.

Tiruvanamalai ein Paradies für einen Portraitfotografen.

Am Vormittag hatte ich die Ehre mit einem großen Baba und seiner kleinen Gefolgschaft zusammen zu sitzen. Immer mehr werde ich der Präsenz von derartig verwirklichten Menschen gewahr. Die Kraft dieses Wanderasketen, der vom Himalaya Nepals barfuß tausende Kilometer in den Süden Indiens wanderte, war enorm. Die Power war jenseits dieser süßen Liebe, die wir gerne erleben, sonder mit einer messerscharfen Klarheit, vielleicht sogar Strenge, die keinen Widerspruch zulässt und Ausdruck jener Kraft Shivas ist, die eben erst zerstört, sodass dann Neues entstehen darf. Wie oft lehrt uns das Leben, dass nur die schmerzvolle Ende gewisser eingefahrener Situationen uns erst in die Krise führt, um dann aus den Trümmern einen glorreichen Neuanfang zu schaffen. Das ist wohl auch der Sinn der Lobpreisung von furchterregenden Gottheiten und ebenso der Wertschätzung derart menschlicher Verkörperungen. Jedenfalls besitzen diese Asketen nichts, ausser dem was sie am Leibe tragen und einer kleinen Tasche. Diese göttliche Hingabe ist für uns schwer nachzuvollziehen, fühle aber die Kraft und bin dankbar für das Geschenk kurze Zeit in der Nähe dieses großen Sadhus sitzen zu dürfen.

Baba, Sadhus,
Großer Baba, der vom Himalaya in nach Südindien wanderte.

Ich bereitete mich dann in Ruhe noch auf den Pilgerweg vor, den ich planmäßig um 16.00 starten wollte. Wie es oft mit unseren menschlichen Plänen ist … „Der Mensch denkt und Gott lenkt“
Ich hängte mir noch eine Shiva Kette um und startete pünktlich und kam wieder bei den Sadhus vorbei, die mich heran winkten, ich sollte mich setzen. Jetzt ging schon wieder der Konflikt im Kopf los – ich muss doch starten, sonst habe ich kein gutes Licht für die Fotos – aber die Einladung des Babas wage ich auch nicht auszuschlagen, sehe das Geschenk nicht, sitze unwillig da und überlege, wann und wie ich mich los reißen kann. Irgendwann fühle ich mich so unwohl, dass ich mich schließlich doch überwinde und mich barfuß auf die 14 km lange Wanderung mit den zahlreichen indischen Pilgern mache.

Fotograf Tommy Seiter Pilgerweg Indien Arunachala
Beim Start zur Umrundung des Arunachala lache ich noch.

Leider bleibt die erwartete euphorische Stimmung aus und die Fotomotive zeigten sich auch nur spärlich. Ich bin wieder mal in die Erwartungsfalle getappt, die nahezu immer dem Glück im Wege steht. Wir glauben, dass wir das Glück selbst machen könnten und damit den natürlichen Fluß aufhalten. Gut, dann lasse ich es fließen und wandere von einem Tempel zum anderen, wo jeweils ganz unterschiedliche Gottheiten mit diversen Rituale geehrt werden. Ich mache wie immer alles mit, wie ich es sehe oder gezeigt bekomme. Nachdenken, darf man da nicht, wenn ich mich zum Beispiel mit überkreuzten Armen an den Ohren ziehe, dabei Kniebeugen mache und drei mal im Kreis drehe … in Anbetracht dessen könnte der ein oder andere verständlicher Weise meinen, jetzt ist er völlig durch gedreht 😉 Gott sei Dank sieht mich keiner, sonst hätte ich es e nicht gemacht und hier ist das alles ganz normal …

An nahezu jedem Schrein halte ich zur Andacht an.

Am Rand des Weges mischen sich Bettler und Heilige Männer, die Almosen erbitten und da ich extra viel Kleingeld mitgenommen habe, gebe ich ohne Unterschied nahezu jedem eine Kleinigkeit. Ob das Leben ohne Besitz freiwillig gewählt ist, oder nicht, – mag für manch einen ein Unterschied sein, für mich verlangt diese Form des menschliches Dasein auf alle Fälle größte Hochachtung. Ich gebe gerne und doch hatte ich auch den egoistischen Gedanken dabei, möglicher Weise auf diese Art an gute Portraitfotos zu kommen. Dieser Gedanke ist beim Geben natürlich fatal, und so bleiben die erwarteten Fotomotive nach wie vor aus, jetzt wird es auch noch dunkel und die Füße am Asphalt brannten auch schon.

Musizierender Sadhu am Pilgerweg.

Im Nachinein erkenne ich, dass es für mich wichtig war, den Pilgerweg der Erfahrung Willen zu gehen und nicht um gierig Portraits zu sammeln, um die daheim gebliebenen beeindrucken zu können. Der Sinn des Pilgerns liegt sicher darin eben das Ego hinter sich zu lassen und sich der Hingabe an etwas Größeres zuzuwenden. Mit dem bedingungslosen Weiterwandern wurde mein Weg bei einbrechender Dunkelheit zunehmend mystischer und es entstanden auch einige unerwartete Aufnahmen von authentischen Momenten, die die feurige Leidenschaft der Hindus bezeugen.

Nach Sonnenuntergang wurde die Stimmung zunehmend mystischer.
Der Geist der Gottheiten wird über das heilige Feuer aufgenommen.

Mehr davon gibt es in einem zweiten Blog Beitrag, also bitte dran bleiben und bitte auch meinen YouTube Kanal OPEN HEART beachten, wo ich laufend VLOGs über meine Reiseerfahrungen publiziere. Danke fürs Teilen

Erster persönlicher Beericht nach meinem Pilgerweg um den Arunachala.
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