Der Wahrheit auf der Spur in Tiruvanamalai

Der Wahrheit auf der Spur in Tiruvanamalai

19. Januar 2020 Aus Von Tommy Seiter

Ich wanderte weiter barfuß auf meinem Pilgerweg rund um den Arunachala, jetzt ohne Wollen, einfach gehen. Die Dunkelheit war hereingebrochen und die vielen Zeremonien auf dem Weg werden immer energetischer. Die Gottheiten werden oft mit Opfergaben, Musik und Feuer belebt, wobei wir dann über das Feuer versuchen einen Hauch der Gotteit in uns aufzunehmen.

Puja Arunachala Tiruvanamalai
Das Feuer schafft die Verbindung mit den Gottheiten.

Mich ergreift die Hingabe, mit welcher die Rituale von den Gläubigen vollführt werden. Wobei es kein Glaube sein kann, die Inbrunst muss von einem Wissen genährt sein.

Magische Momente

Ich finde es eine gute Idee, wenn wir nicht nur den schnöden Mammon anbeten, sondern uns auch jener anderen unsichtbaren göttliche Qualität widmen, ganz egal in welcher Form. Dies bringt zwar keine sozial hohe Stellung, aber ein inneres getragen sein, vielleicht sogar Frieden, sofern wir uns darauf einlassen können. Es geht um nichts anderes, als um im Moment zu sein und bewusst das zu tun, was getan werden muss. Auch wenn dies hier vielfach an den alten Kultplätzen vollführt wird und die Abbilder der Gottheiten im Aussen verehrt werden, ist es doch so, dass es um das innere Erleben geht. Die Asiaten wissen um diese eine Qualität, die alles verbindet und die Niederwerfungen vor den Gottheiten zeigen die Hingabe vor dieser höheren Quelle, aus der wir alle kommen. Letztlich verbeugen wir uns vor uns selbst. Gott ist nicht aussen, sondern wir sind Teil der unermesslichen Schöpferkraft und wenn wir uns diesen Fluß hingeben, dann passieren Wunder.

Hingabe an etwas Größeres
BettlerInnen sind natürlicher Teil des Pilgerweges.
Jeder Tempel werden unterschiedliche Gottheiten verehrt und das scheint mir sogar buddhistisch zu sein – alles verbunden.
Die blutrünstige Kali fordert Opfer, zumindest eine Zitrone will aufgespießt werden – Heute 1000nde.

Wie ihr seht bin ich vollkommen ergriffen von dem großen Geist hier und wandere weiter bis ich nach 5 Stunden hoffe, dass es nicht mehr allzu weit ist. Das Brennen der Fußsohlen ist nun so intensiv, dass ich schweren Herzens entscheide, die Schlapfen anzuziehen, weil ich offene Füße befürchtete. Shiva verzeiht es mir und schenkt mir authentische Momente einer fremden Welt, der ich immer näher komme. Ich fließe mit dem jetzt teilweise ekstatischen Strom mit, werde immerfort in die Tempel und Heiligtümer geschoben. Es gab kein Entrinnen mehr und nach Vollendung der gesamten Runde nach über 6 Stunden setzte ein beglückendes Gefühl ein, das sich in Worten nicht beschreiben lässt. Ich wusste, das sich etwas getan hatte. Was, wird sich noch zeigen.

Die Pilger freuen sich mit mir über die erfolgreiche Umrundung.

Die erste Botschaft Shivas war, bleibe hier solange du kannst. Tatsächlich hatte ich das Gefühl, dass mir die hohe Energie dieses Platzes gut tun würde. Zum Glück hatte ich noch nichts weiter gebucht und so versuchte ich gleich mein Zimmer zu verlängern. Dies war die nächste Herausforderung, die nach der inneren Zufriedenheit meinen Verstand gleich wieder aktivierte und ein ängstliches Gedankenspiel produzierte. Mein Zimmer war schon vergeben und mein Vermieter meinte auch, dass es schwierig sei, etwas zu finden, weil absoluter Hochsaison ist. Auf Booking.com gab es nur teure Zimmer, weit ab von den Ashrams. So zog ich in der bevorzugten Gegend herum und erntete nur frustrierende Absagen, absolut voll. Ich spürte das Unbehagen und schwankte zwischen, – du musst weiter suchen und geh in den Tempel, komm zur Ruhe, besinne dich, vertraue. Zum Glück entschied ich mich für Zweiteres. Nach wenigen Minuten in einem kleinen ruhigen Ashram, kam der Impuls, jetzt geh los und schau weiter. Die erste Unterkunft, bei der ich nachfragte, ganz nah am Zentrum in einer Seitenstraße, bot mir ab morgen ihr „bestes“ Zimmer an. Ich sagte natürlich sofort zu – 10 Euro die Nacht, sauber, sehr einfach, klein, hartes Bett, aber froh um das Zimmer und die Bestätigung, dass die Besinnung nach Innen die besten Ergebnisse bietet.

Froh doch noch ein Zimmer gefunden zu haben.

Kurz beklagte ich noch das harte Bett, die Ameisen im Bad und die kalte Dusche, bis ich des Nachts die Asketen und Bettler direkt an der Strasse liegen sah, – ganz ohne Dach über dem Kopf, Dusche oder Bett, sondern maximal ein Tuch zum Zudecken, – und das jeden Tag. Ich darf glücklich und dankbar sein für mein luxuriöses Leben, das mir geschenkt wurde. Obwohl auch der Gedanke aufkommt, ob Besitz möglicher Weise Glück und Zufriedenheit verhindert oder zumindest erschwert. Weil auch von den Ärmsten hier vielfach ein positives Strahlen ausgeht, ist es klar, dass die Quelle von Glück keinesfalls aussen sein kann, sondern im Inneren zu finden sein muss. Viele Menschen hier haben ja gar keine andere Chance, als sich ihrem inneren Reichtum zu widmen.

Innere Zufriedenheit ist Glück.
Nur dieser Moment, sonst nichts.
Um glücklich zu sein brauchen wir nichts im Aussen.

Diese alltägliche Qualität berührt auch mich anfangs unbemerkt in Form eines ganz natürlichen Kontaktes mit mir und in der folge mit Allem. Die Offenheit und Sensibilität der Inder erstaunt mich immer wieder. Sofort wird erspürt, wenn ich Hilfe benötige oder ein anderes Bedürfnis habe, sodass es mir manchmal vorkommt, als sind hier Gedankenleser am Werk – unglaublich! Es ist aber wohl wieder „nur“ die viel zitierte Präsenz im gegenwärtigen Augenblick, die empfänglich macht für mehr – vielleicht sogar Gedanken anderer. Auch wenn ich hier allein durch die Umstände gezwungen bin, – z.B. Um im Straßenverkehr nicht unter die Räder zu kommen, – ganz im JETZT zu sein, schweife ich regelmässig in Gedankenspiele ab. Warum ist es für mich so schwer diese Präsenz aufrecht zu erhalten? – Zumal ich ja weiß, dass wenn ich ganz bei mir bin, dann passieren die wundervollsten Begebenheiten und Begegnungen, wie z.B. Mit Matthias, einem 39- jährigen Steirer, der nach einem Indienurlaub zu Hause alles Zelte abbrach und nun schon seit 5 Monaten hier lebt, – in einem kleinen Häuschen mit wunderarem Garten für 600 Euro im Jahr. Auch er ist auf der Suche nach der inneren Wahrheit und so haben wir auch ohne viel Worte schnell eine enorme Resonanz. Immer wieder laufen wir uns „zufällig“ über den Weg und als Ortskundiger führt er mich in unbekannte, aber sehr kraftvolle Tempel.

SHAKTI – Ausdruck höchster Energie.
Extrem kraftvolle Tempel abseits der Touristenpfade.
Wunderbare Begegnung zweier Seelenverwandter in Tirunvanamalai.

Oft gehen wir authentisch Essen und laden uns gern großzügig ein, was bei 1 Euro für zwei Mahlzeiten das Budget nicht wirklich belastet. In Ermangelung an Besteck bin auch ich gezwungen, wie hier üblich, mit der rechten Hand zu essen, was nach kurzer Irritation gut klappt.

Eine weitere tiefgreifende Empfehlung war der Besuch von Satsangs (sind ganz kurz gesagt: spirituelle Treffen, um die Wahrheit zu erfahren) mit zwei weisen Frauen. Im ganzen Ort sammeln sich zur Zeit jede Menge, nach eigenen Angaben, erwachte Individuen, die ihre Weisheit energetisch und auch in Worten weiter geben. Schön, dass ich durch Matthias gleich zu wirklich inspirierenden Meisterinnen gelangt bin. Soeben habe ich das letzte mal Sharada Ma auf sehr berührende Weise erleben können. Für mich ist es nun klar, das es Menschen gibt, die den innersten Wesenskern verwirklicht haben, zum Ausdruck bringen können und sogar mit ihrer bedingungslosen Liebe die Herzen anderer befreien können. Es werden auch Fragen beantwortet, aber gerade bei Sharada Ma ist die wesentliche Konzentration auf das stille Zussammensein in ihrer hohen Energie, das wesentliche Element. Jedenfalls konnte ich nicht anders als mich vor dieser Frau tief zu verbeugen, um meinen Dank für ihr großes Herz zu bekunden. Ich halte nichts von Personenkult und habe das in dieser Form auch noch nie gemacht, aber in diesem Fall, war es ein tiefes Bedürfnis. Das Gurutum ist in Indien etwas ganz Normales, während wir lieber unserer eigenen Intelligenz vertrauen. Aber auch der Guru ist für den Suchenden lediglich Wegweiser zum eigenen inneren Guru, jener klaren Führung, die keinen Zweifel kennt. Dies betonen auch alle LehrerInnen, die ich getroffen habe. Es ist immer alles kostenlos, es gibt keine Verbindlichkeiten, aber dafür hohe Einblicke in eine Wahrheit, die einer reinen Quelle entspringt, wie ich spüre.

Arunachala Shiva Tiruvannamalai
Beim Satsang von Sharada Ma zeigt sich der Berg nochmals wundervoll.

Die Essenz aus diesen spirituellen Zusammenkünften ist im Wesentlichen immer dasselbe. Wir sind Teil eines immer währenden Bewusstseinsfeldes, das in der Tiefe jedes Menschen vorhanden ist. Unsere Gedanken und Geschichten halten uns vielfach von diesem natürlichen Bewusstseisnstrom ab und so erschaffen wir uns Probleme, weil wir uns mit ihnen identifizieren. Es gibt nichts Falsches in diesem Universum und wir brauchen uns nur diesem Flow hingeben und akzeptieren was jetzt ist. Klingt ganz einfach, wenn wir nicht so verhaftet wären in unseren Gedankenspielen, die sich um Vergangenheit und Zukunft drehen. Wie alle Mystiker jeder Tradition schon seit je her predigen gibt es nur einen Weg zur Befreiung, – im Hier und Jetzt sein und das ist ja auch ganz genau meine praktische Erfahrung. Ich übe mich also weiter in der viel gepriesenen Präsenz und versuche den irreführenden Mustern aus der Vergangenhheit so keine Energie mehr zu geben. Die Wahrheit ist mit dem Kopf so oder so nicht zu erhaschen.

Wenn die alten Konzepte und Konditionierungen wegfallen kommt unsere wahre Natur zum Vorschein :))

Wie immer ist das alles meine persönliche Meinung und Erfahrung, kein Plädoyer für irgend eine Religion, Kultur oder andere dogmatische Konzepte. Je mehr ich erfahre, weiß ich, das ich gar nichts weiß, aber vertraue, dass immer für alles gesorgt ist. Glaubt mir nichts 😉 Ich wünsche jedem, dass er sein Wesen verwirklichen kann und damit Frieden für sich und die Welt schafft. Schön, dass es dich gibt und du so offen bist! – Und sollten die meine Erfahrungen gefallen, dann würde es mich freuen, wenn du den Beitrag teilst.

Hierzu gibt es auch noch einen sehr persönlichen VLOG direkt aus dem mächtigen Arunachaleswarar Tempel auf meinem YouTube Kanal OPEN HEART:

Fotograf Tommy Seiter
Ich bin nicht, was du denkst, was ich bin.
Du bist, was du denkst, dass ich bin;)
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