Faszination Südindien – Lebensfreude und Spiritualität

Faszination Südindien – Lebensfreude und Spiritualität

19. März 2019 Aus Von Tommy Seiter


Der Flug von Ladakh nach Chennai wurde überraschend wegen technischen Problemen abgesagt. Dank der wunderbaren Reiseleitung waren Ersatzflüge mit nur unwesentlicher Zeitverschiebung organisiert. Nachdem ich früher meine Reisen immer auf eigene Faust organisierte, schätze ich gerade in extremeren Gebieten nun immer wieder eine individuelle Reiseführung, was den Stress minimiert und das Erleben maximiert. Vielen Dank an dieser Stelle nochmals an Gesar Travel. In Südindien lasse ich mich dann wieder treiben, wohin mich mein Gefühl führt. Mit einem lachenden und einem weinende Auge verabschiede ich mich von Ladakh.

Good bye Ladakh – I love you


Nun musste ich aber erst den Höhenunterschied von 3500 m und den Temperaturunterschied von 50 Grad überwinden – vom Winter in den Hochsommer in nur einem Tag. Dies sollte in einem ruhigen, paradiesischen Eco Resort in Chennai gelingen. Nach zwei Wochen endlich wieder mal Duschen, – eine Klospülung, welch ein Luxus. Auf die Idee sich für eine Klospülung zu bedanken, kommt man auch erst, wenn man im Winter in Ladakh war. Eine gute Übung – Dankbarkeit für die kleinen Annehmlichkeiten im Leben macht bereit für das große Glück. Ich war so froh endlich im Warmen zu sein, obwohl die erste Nacht gleich die Schattenseite der südindischen Hitze zeigte. Von einem Zenmeister habe ich mal gehört, „Wenn es kalt ist, sei ganz kalt – wenn es heiß ist, sei ganz heiß.“ Ich versuchte es und trotzdem machten Schwitzen und Moskitos den Schlaf unruhig. Obwohl ich nur ganz wenig Haut unter dem Leintuch hervorlugen ließ, bediente sich ein Moskito genau dort, am Augenlied, – und so wachte ich mit einem geschwollenem Auge auf.

Eine unfreiwillige Blutspende führte zu einem geschwollenen Auge

Hat eben alles seine Vor- und Nachteile, Moskitos gab es Ladakh nicht. Aber macht ja nichts, ein Auge genügte, um mich gleich ins Getümmel der Millionenstadt Chennai zu schmeißen. Allgegenwärtig ist hier Shiva, welcher, kurz gesagt, für Tod und Wiedergeburt steht.

Shiva in seiner tanzenden Erscheinung als Nataraja

Gern starte ich den Tag mit einer kurzen Besinnung in einem Tempel, hier klar hinduistisch, – versuche anzukommen, beobachte das bunte Treiben der Gläubigen und immer werde ich eingeladen an den Zeremonien teil zu nehmen. Einmal gab es auch eine Segnung vom Tempelelefanten.


Die Offenheit gegenüber Fremden finde ich hier besonders schön, weil es ganz und gar ungewöhnlich für uns Westler ist. Wir grenzen uns in der Regel lieber ab. Im religiösen Bereich wäre es wohl völlig undenkbar, dass ein Hindu an der heiligen Kommunion teilnehmen kann?! Ich bin glücklich, dass es hier anders ist, wahrscheinlich mit ein Grund, warum es mich immer wieder nach Asien zieht. Nach den Pujas sehe ich meist aus, als hätte ich einen Kopfschuss, weil ich es nicht schaffe das Stirnmahl Tilaka traditionsgemäß aufzutragen. Vielleicht ist es im übertragenen Sinn tatsächlich eine Art Kopfschuss, weil ich es durch das Unbekannte schaffe, meinen Kopf auszuschalten und im Moment anzukommen. Mir geht es danach immer sehr gut und ich schwebe förmlich durch das unaufhörliche Gewusel der Menschenmassen.

Nicht schön, aber wirkt, mein Tika nach der Morgenpuja
Bessere Beispiele für hinduistische Stirnmahle Tilaka

Hier getraue ich mich auch der inneren Freude Ausdruck zu verleihen und einfach jemanden anzulachen, denn sofort kommt ein freundliches Lachen zurück. Kontakte mit Menschen sind so wertvoll. Insbesondere, wenn ich es schaffe anerzogene Ängste hinter mir zu lassen und mich dem Fremdartigen zu öffnen. Dadurch entstehen berührende Augenblicke (im wahrsten Sinn des Wortes), die meine Seele lachenden Herzens abspeichert.


Ich bin willkommen, das ist immer und überall zu spüren. Ein schönes Beispiel, an dem dies sichtbar wurde, fand im paradiesischen Green Meadows Resort statt. Bei einer abendlichen Gartenparty unter Palmen, bei der ich kurz anhielt, um der Musik zu lauschen, wurde ich sofort eingeladen mitzufeiern. Essen, Trinken, Tanzen, Spaß haben, der Gast ist König. Hier gibt es, so scheint es, keine Berührungsängste, im Gegenteil großes Interesse am Unbekannten und ehrliche Freude am Geben. Die Lebensfreude gipfelte an einem Strandabschnitt, an dem allein das Spiel mit den Meereswellen bei den Indern ein unaufhörliches Lachen und Herumtollen auslöste, natürlich in Indien immer mit Bekleidung. Das ergibt wundervolle, farbenfrohe Bilder, welche die Mentalität der Menschen in Tamil Nadu widerspiegeln. Und wenn, wie ich es gern sehe, die Außenwelt ein perfektes Abbild für die Innenwelt ist, dann nehme ich dies freudvoll zur Kenntnis 😉

Ich lerne dabei, wie wenig nötig ist, um glücklich zu sein. Wenn es vielleicht vorerst nur kurze glückselige Momente sind, so sind diese Wegweiser zur dauerhaften Zufriedenheit. Im Moment zu sein und das Schicksal übernehmen lassen, das ist aus meiner Sicht das Geheimnis. Ich empfinde es oft so, dass, wenn ich es schaffe, mich dem Augenblick hinzugeben passieren so wundervolle Ereignisse, die ich mir mit meinem kleinen Geist nicht mal annähernd hätte ausmalen können. Natürlich ist das viel leichter umzusetzen wenn die alltäglichen Verpflichtungen weit weg sind, aber immerhin ein Lichtblick, danke dafür.

Die Reise in Tamil Nadu geht weiter und zwar zur Steinmetzhochburg und deshalb Weltkulturerbe Mamallapuram, und zu den spirituellen Zentren Pondicherry und Thiruvannamalai. Wer mir folgen möchte gern wieder vorbei schauen und es wäre schön, wenn du meine Beiträge teilen würdest, danke für dein Interesse, das motiviert zum Weiterschreiben!

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