Mamallapuram – Weltkulturerbe und die Essenz der Religionen

Mamallapuram – Weltkulturerbe und die Essenz der Religionen

23. März 2019 Aus Von Tommy Seiter

Direkt an der Küste gelegen war mein nächstes Ziel. Eine Stunde Fahrt und 60 km südlich von Chennai liegt die Steinmetzhochburg Mamallapuram. Von morgens bis abends tönt in den sandigen Straßen der Klang der Meißel. Beim Anblick der tausenden Steinskulpturen in jeder Größe, frage ich mich, wer soll das jemals kaufen? Es meldet sich wieder einmal mein westlicher Händlerintellekt. Im Gespräch mit einem der Steinhauer verdeutlichte mir dieser, dass er den schönsten Job habe, den er sich vorstellen kann. Er steckt all seine Liebe in das Gestalten der Kunstwerke.

In der Regel ist Kunst in Asien sakrale Kunst und so finden sich hauptsächlich Götterdarstellungen unter den Objekten, meist in hervorragender Qualität. Schon für 30 Euro könnte man eines dieser beachtlichen Meisterwerke erstehen. Hier fiel mir auch der Ausspruch des begnadeten Künstlers Michelangelo ein, der auf die Frage, wie er derartig eindrucksvolle Kunstwerke schaffe, sinngemäß antwortete: Das Kunstwerk sei schon im Stein da, er haue nur das Überschüssige weg – ja, so einfach ist das …

Möglicherweise haben es die großen Künstler vor über 1000 Jahren auch so gemacht, jedenfalls sind die eindrucksvollen Steinmonumente heute Weltkulturerbe. Unglaublich erschien es mir, dass ganze Tempel aus einem Stein gehauen wurden. Die kunstvollen Reliefs und Friese zeigen das große Können der lokalen Künstler.

Ich liebe die asiatische Kunst, besitze auch eine Sammlung und einen kleinen Online Shop diesbezüglich, aber trotzdem, dass die monolithischen Bauwerke zweifellos ganz großes Handwerk demonstrieren, wunderte ich mich, warum mich diese nicht berühren und mir nur Blödsinn einfiel.

Die Antwort kam postwendend in einem kleinen unscheinbaren hinduistischen Tempel, in den es mich hineinzog. Schnell war ich wieder in einen Morgenpuja integriert. Ich konnte beobachten und diesmal auch spüren, was der Unterschied zwischen gelebter Spiritualität, sowie aus diesem Kontext enthobenen Kunstwerken, darstellt. Es war so schön zu beobachten mit welcher Liebe die Priester das alltägliche Ritual vollzogen. Annähernd eine Stunde wurden die Götterdarstellungen in dem Schrein mit verschiedenen Ingredenzien ununterbrochen übergossen und dazwischen immer wieder gewaschen. Es waren Milch, Honig, Sandelholz und noch etliche weitere Opfergaben dabei.

Abschließend werden die Statuen dann immer mit Blumenschmuck geschmückt, um damit den Gottheiten zu huldigen und diese letztlich in den Objekten zum Leben zu erwecken. Dies war für mich auch spürbar und wesentlich eindrucksvoller zu erleben, als in den großartig behauenen Steinen. Ich und die wenigen Gläubigen bekamen abschließend das segenbringende Tilaka auf die Stirn und der Tag hatte optimal begonnen. Ich hinterließ noch eine Spende, worauf der Priester mir dann freundlicherweise einige Fotos von rituell geschmückten Gottheiten schickte.

Eine Reise bietet soviele Möglichkeiten zum Lernen. In Mamallapuram konnte ich erkennen, wie Bewusstheit Leben in den Moment bringt. Es scheint sogar möglich zu sein auf diese Art den Segen von Gottheiten zu aktivieren und zwar für jeden Menschen unabhängig seines Glaubens. Leider meinen manche, dass nur gesetzestreue Mitglieder ihrer religiösen Gemeinschaft in den Genuss der göttlichen Gnade kommen. Das ist aus meiner Erfahrung nicht so – und warum? – Weil keine Religion die Wahrheit besitzen kann, sonst müsste es ja verschiedene Wahrheiten geben. Das ist für mich nicht nachvollziehbar. Wo liegt denn nun die Wahrheit, haben sie alle oder keiner? Das ist die große Frage, die mich schon mein ganzes Leben lang beschäftigt. Meine Erkenntnis diesbezüglich ist, alle Religionen sind lediglich der Fingerzeig auf die Essenz. Vielfach beten wir den Finger an, dabei bleibt das Wesentliche unberührt. Für mich ist das Wichtigste die bedingungslose Liebe, das Mitgefühl für alles und jeden, da wir mit allem verbunden sind. Das heißt, wie ich mit der Umwelt umgehe, ob ich ihr Freud oder Leid zufüge, tue ich letztlich mir selbst an.

Tat Tvam Asi – meint in Indien „Ich bin mit allem verbunden.“

Deshalb weisen Jesus, Buddha und alle großen Mystiker jeglicher Glaubensgemeinschaft auf diese eine große Tugend hin, die in absolut jedem wohnt – mit Jesus Worten: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.“ Klingt einfach und doch ist es in der Umsetzung so schwer. Immer wenn ich hierbei an meine Grenzen stoße, versuche ich im Abgelehnten mich selbst zu erkennen. Die Bewusstwerdung ist ein erster Schritt zum großen Ziel, der bedingungslosen Liebe und das ist aus meiner Sicht auch die Essenz aller Religionen. Mit dieser Erkenntnis lege ich mich zufrieden an den schönen Strand von Mamallapuram und genieße den Sonnenuntergang. In diesem Moment ist die Welt in Ordnung. Ich darf sein, was ich bin.


Spannend wird die nächste Station Pondicherry. In der Nähe versucht eine Gemeinschaft auf der Basis von Mitgefühl und Liebe eine ideale Stadt zu kreieren, Auroville. Die geistige Grundlage dafür lieferten der Guru Sri Aurobindo und seine westliche Gefährtin „The Mother“. Bald gibt es mehr dazu.
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