Ohne Maske lebt es sich leichter

Ohne Maske lebt es sich leichter

19. Juli 2019 Aus Von Tommy Seiter

Was ist unsere wohl größte Angst?

Wir könnten unsere Bindung zu unseren Mitmenschen verlieren, wenn wir authentisch sind. Dieser alte verwurzelte Glaube ist tief einprogrammiert, aber eben nicht richtig. – Und doch beeinträchtigt er unser ganzes Dasein auf unschöne Weise und führt dazu, dass wir regelrecht mit Masken unserer Umwelt begegnen, freilich meist unbewusst.

Die Angst abgelehnt zu werden, wenn wir uns zeigen, wie wir tatsächlich in der Tiefe unserer Seele sind, wurzelt in den frühen Erfahrungen als wir noch ganz unvoreingenommen und natürlich der Welt begegneten. Dafür wurden wir immer wieder mit ablehnenden Botschaften bombardiert: „So bist du nicht richtig, du bist nicht gut genug, das darfst du nicht – mache es anders!“ – Und irgendwann glaubten wir es dann, da die Zuneigung und Versorgung vor allem unserer nächsten Bezugspersonen überlebenswichtig war. Damals hatten wir keine Macht, da half uns letztlich auch kein Schreien, kein Weinen, – wir passten uns an, große Bereiche unserer wahren Natur mussten wir meist in den Untergrund verbannen. Dafür eigneten wir uns jene Masken an, die uns scheinbar unbescholten durchs Leben tragen, bis wir irgendwann leidlich an jenem Punkt anlangen, der uns bewusst macht, dass viele unserer Probleme genau dadurch entstehen, dass wir nicht echt sind. Bis dahin leiden wir allerdings meist viele Jahrzehnte, da wir voll mit unseren Masken identifiziert sind und diese uns sicher erscheinen. Wir merken gar nicht, dass genau unser angepasstes Dasein erst die gefürchtete Trennung zu unserer Umwelt aufrecht erhält. Somit erschaffen wir in Wirklichhkeit genau das Gegenteil des in der Tiefe ersehnten und das auch noch völlig unbewusst. Von aussen betrachtet kann so ein Leben sehr erfolgreich aussehen, doch im Inneren schreit etwas andauernd nach mehr und noch mehr … allerdings ist dieser innere Ruf durch nichts im Außen zu stillen.

Es gibt ein inneres Streben nach Selbstverwirklichung

Die Einheit

Das wunderbare Streben der Existenz zum Wahren lässt uns nun Zugang zu unserem höheren Selbst finden und wer möchte kann behutsam die Leid erzeugenden Schichten langsam abtragen.
Wie kann das geschehen? Aus meiner Erfahrung ist es wichtig uns mitzuteilen und zwar im Besonderen jene Anteile in uns, die wir gerne verbergen möchten, da uns eingeredet wurde, dass sie nicht gut sind. Scham, Angst, Trauer, Unzulänglichkeit, aber auch Wut oder Agression sind nicht gerne gesehen in unserer Gesellschaft, deshalb verdrängen wir sie oft. Von dort aus wirken sie allerdings bösartig und ziehen mannigfaltige Probleme in unser Leben, die uns letztlich das Verdrängte wieder ins Bewusstsein rufen wollen.
Ein weit verbreiteter Irrtum ist, dass Verletzlichkeit ein Zeichen von Schwäche ist, dabei macht uns gerade unsere Verletzlichkeit stark. Noch verheerender wirkt dieser Irrglaube natürlich bei uns Männern, sind wir doch gebranntmarkt mit der unerbittlichen Botschaft: „Wirke nicht schwach!“ Aus diesem Teufelskreis heraus zu kommen, ist, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, extrem schwer. Das weibliche Geschlecht macht es uns vielfach auch nicht leichter, – gewünscht ist zwar meist ein sensibler Mann, aber bitte ja nicht schwach oder gar weinend, sondern eine starke Schulter ist Pflicht – der Konflikt liegt auf der Hand. Tatsache ist: Ohne Verletzlichkeit keine wirkliche Nähe.

Deshalb ist das Zeigen der alten verdrängten Gefühle auf jeden Fall für beide Geschlechter sehr heilsam, am besten natürlich in entsprechend sensibler Umgebung, was trotzdem alles andere als einfach ist. Irgendwie fühlt es sich an, als müsste man sterben und wer will das schon.
Schaffen wir es schließlich doch über unseren Schatten zu springen, springen wir direkt ins Licht der Bewusstheit. Gehen wir dem wahren Leben so nur einen zaghaften, aber mutigen Schritt entgegen, begegnet uns eine ganz neue Wirklichkeit, die ich als das viel gesuchte Glück bezeichnen würde. Der gefürchtete Schmerz, durch den wir zuvor gehen müssen, ist also das Eingangstor zu unserem wunderbaren Wesen, das unter jeder Maske steckt. Genau so entsteht auch die von jedem ersehnte Verbindung zu unseren Mitmenschen – ist es nicht paradox, dass wir in der Realität oft genau das Gegenteil machen und verstecken uns. In der Regel projizieren wir lieber auf eine bösartige Umwelt, die getrennt von uns existiert und mit der wir nichts zu tun haben wollen.

Das Zeigen von Schwächen verbindet uns mit der Liebe

Nehmen wir unsere Verbindung mit allem wahr, könnte genau das der Schlüssel zur Selbsterkenntnis sein. Ich wünsche jedem nur einmal das Erleben, dass gerade das Zeigen der vermeintlichen „Schwächen“ nicht Ablehnung sondern Liebe hervor ruft. Diese Berührung der wahren Essenz kann uns dann künftig als Leitstern dienen. Es ist zweifellos nicht leicht und bedeutet oft kurzzeitig schmerzvolle Momente, – aber die wenig schmackhafte Alternative ist andauerndes Leiden. Die Wahl hat jeder selbst, oder auch nicht, da bin ich mir noch nicht ganz sicher ;). Sicher bin ich mir allerdings, dass jeder ein unglaubliches Potential in sich hat und das will gelebt werden. Du bist geführt und geliebt! Wenn wir uns dessen bewusst werden, können wir langsam unsere Masken fallen lassen, ehrlich auf die Welt zugehen und unser Leben als großes Geschenk sehen, das nur darauf wartet ausgepackt zu werden. Die Überraschung ist dann, dass wir entdecken was wahre Liebe und Glück bedeutet. Wir dürfen unser ureigenes Wesen nicht verstecken, sondern am besten freudig in die Welt tragen. Das ist unsere Aufgabe, der wir geduldig nachgehen dürfen. Unser einmaliges Leben ist der Wegweiser, insbesondere die schwierigen Passagen. Deshalb ist es wichtig, es so anzunehmen, wie es sich zeigt und im Idealfall jeden Moment zu genießen, den unser Weg bietet. Das Leben will authentische Individuen, die sich offen begegnen, um gemeinsam die Welt zu einem liebevollen Ort zu machen. Du bist gut so wie du bist! Alles ist schon da, erinnere dich …

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Buchtitel zum Vertiefen: Wie wir unsere Schutzmechanismen aufgeben und innerlich reich werden – Verletzlichkeit macht stark – Brené Brown

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