Tiruvannamalai und die erleuchteten Gurus

Tiruvannamalai und die erleuchteten Gurus

2. April 2019 Aus Von Tommy Seiter

Der Höhepunkt der Reise sollte der Vollmond in Tiruvannamalai sein. Das erste Mal war ich zum Zeitpunkt des jährlichen Holi Festes in Indien, das dort durch gegenseitiges Bewerfen mit Farbpulvern ausgelassen gefeiert wird. Ich freute mich unglaublich auf farbenprächtige, mit befreiender positiver Energie geladenen Fotos, die den Frühling ein- und Dämonen ausladen sollen.

Zu früh gefreut, denn wie ich erst bei Ankunft erfahren habe, wird das jährliche Spektakel in dieser Region Indiens nicht gefeiert. Nach kurzer Enttäuschung erfuhr ich, dass es in Thiruvanamalai jeden Vollmond die große Umrundung des erloschenen Vulkans Arunachala statt findet. Tausende Pilger versuchen durch die Ehrung Shivas, dem der Berg gewidmet ist, sich von Sünden zu befreien und so das Karma zu verbessern. Das war ein wunderbarer Ersatz, zumal auch hunderte Sadhus, heilige Männer, in Indien liebevoll Baba’s genannt, an diesem Tag vorort waren, was mich fotografisch sehr reizte und von den Sünden rein waschen kann auch nicht schaden.
Ich musste wieder mal an die Tatsache denken, dass das Leben oft mit uns was Besseres vor hat, als wir uns vorstellen können, wenn wir uns nur dem Schicksal anvertrauen.

Sadhu in Tiruvannamalai

Ich wollte an dieser letzten großen Station meines Indientrips auch entspannen, so buchte ich eine ganze Woche dort im paradiesischen Sparsa Resort. Dort wollte ich mich auch von dem Trubel der indischen Städte und den Anstrengungen, die eine solche Reise mit sich bringt, etwas erholen. So war auch relaxen am Pool unter Palmen in absoluter Ruhe angesagt, lediglich das Kreischen der Pfaue und Affen durchbrach die Stille gelegentlich. Ich war sehr froh um diese Oase nach den Ausflügen in die heiße turbulente Stadt.

Seit Jahrhunderten ist Tiruvannamalai ein hoch spiritueller Ort und so verwundert es nicht, dass neben dem kolossalen uralten Arunchaleshvara Hindutempel auch zahlreiche Ashrams hier angesiedelt sind. Wer einen Guru sucht, der ist hier genau richtig und wird sicher fündig. Eine so hohe Dichte an verschiedenen Heiligen, die hier verehrt werden, gibt es wahrscheinlich kaum wo anders. Tatsächlich haben auch viele westliche spiritulle Suchende hier einen dieser großen Wegweiser gefunden und verbingen auch ihren Urlaub hier.

Der Ashram des wohl bekanntesten und meist verehrten Heiligen des 20. Jahrhunderts Ramana Maharshi befindet sich auch hier. Trotzdem dieser Erleuchtete schon verstorben ist, inspiriert er doch unter anderem auch sehr viele Europäer ihm zu folgen und seinen Weg selbst zu verwirklichen. Da stellt sich die Frage, ob die Anbetung eines Gurus die eigene Entwicklung überhaupt fördern kann. Da gibt es wohl sehr unterschiedliche Ansichten. Ich finde es schon beeindruckend, wie es manche Menschen schaffen, auch noch nach Ihrem Ableben, so viele Menschen derart zu beeindrucken, dass sie sogar die beschwerliche Reise nach Indien antreten, um noch etwas von seinem Spirit zu erhaschen.
Bei Sri Ramana zum Beispiel weiss ich, dass er kein Mann der großen Worte war, sondern seine Präsenz und die friedvolle Aura die Anziehung ausmachte und unglaublicherweise scheinbar immer noch ausmacht. Nach seiner Erleuchtung in jungen Jahren zog er sich zur Meditation in eine Höhle über der Stadt zurück, wohin dann immer mehr Menschen pilgerten. Um dem Wirbel zu entkommen, flüchtete er etwas höher, um seine Ruhe zu finden. Natürlich stieg ich trotz Affenhitze zur Höhle auf und obwohl in der kleinen, schmucklosen, verfliessten Grotte lediglich ein Bild des Heiligen stand, konnte ich mich einer beruhigenden Atmosphäre nicht erwehren. Vielleicht spinne ich ja, oder bilde es mir ein, aber selbst dann hat er gute Dienste geleistet.

Meditationshöhle von Sri Ramana Maharshi

Entspannt ließ ich mich vor der Höhle nieder und beobachtete eine Sippe Affen beim Herumtollen. Dabei wurde mir klar, was Erleuchtung wohl meint. Gehe in jedem Augenblick dem inneren Impuls nach, was jetzt getan werden muss, ohne nachzudenken, ob es richtig ist, weil alles richtig ist. Die Affen veranschaulichten es mir so deutlich – Kämpfen, Spielen, Essen, dann wieder Kuscheln oder Rasten in einem ununterbrochenen Flow ohne Beurteilung. Wäre schön, wenn mir das auch so gelänge, ist leider im Alltag oft schwer. Dazwischen stehen wohl unsere Konditionierungen und scheinbaren Verpflichtungen. Zumindest in diesem Moment konnte ich diese beiseite lassen, gegenwärtig sein und schoss ein paar Fotos des amüsanten Treibens.

Ist es denn überhaupt möglich, dass spirituelle Lehrer ihrer Gefolgschaft hilfreich sind? Ich meine ein Guru kann sicher ein Wegweiser sein, aber der beste Guru ist in uns selbst und vielleicht können uns weise Männer zu eben diesem führen, sodass wir uns selbst verwirklichen können. Es wäre schön, die positv wirkende Präsenz, wie sie viele Menschen hier erreicht haben auch zu erlangen, um sodann auch bereichernd auf unsere Umwelt auszustrahlen. Wäre ja, wie gesagt, ganz leicht, einfach im Hier und Jetzt sein und zu jedem Moment JA sagen;)
Das gelang mir dann auch trotz Programmänderung am Vollmondtag abermals gut, als ich mit den Gläubigen einige Kilometer am Fusse des Vulkans pilgerte. Es schwappte eine dermassen positive Welle auf mich über, dass ich nur mehr glücklich lachend mit der Menge mitschwamm. Ich erhielt den Segen von zahlreichen Sadhus und genoß die Offenheit der Heiligen Männer mir gegenüber. Ich fühlte mich als wäre ich angekommen – das war ich auch – und zwar im Moment. Ich hielt zur Segnung an den verschiedenen Shiva Tempeln an und zwängte mich sogar durch die karmabefreiende Lücke eines Ganesha Schreins.

Tommy beim Karma abtragen 🙂

Freiheit und Glück erfasste mich. Ich war in einer anderen Dimension. Shiva singend beobachtete ich den Vollmond über dem Vulkan beim Aufsteigen.

Dies war wohl der Höhepunkt dieser Reise. Jetzt muss ich das Gefühl nur mehr mit nach Hause nehmen und die Welt ist in Ordnung.
Auf jeden Fall kann ich viele eindrucksvolle Portraits meiner Gurus mitnehmen, die mich immer an diesen großen Moment erinnern werden.


Jetzt stehen noch ein paar Tage in der Hauptstadt von Tamil Nadu, Chennai, am Programm, wo meine Gelassenheit gleich einer großen Prüfung unterzogen wurde. Mehr über die Probleme beim Rückflug erzähle ich im nächsten Beitrag. Wie immer freue ich mich, wenn du meine Erfahrungen teilst, danke fürs dabei sein.

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