Tränen in der Stadt der Liebe – Tiruvanamalai

Tränen in der Stadt der Liebe – Tiruvanamalai

30. Januar 2020 Aus Von Tommy Seiter

Nicht Venedig, nicht Paris sondern Tiruvanamalai ist für mich die Stadt der Liebe, ich meine diese tiefe bedingungslose Liebe, die jeder in sich trägt und nicht von einem Partner abhängig ist. Deshalb flossen auch Tränen, nicht nur bei mir sondern, völlig ungewöhnlich für diese Zeit, auch an diesem energetischen Ort. Der Berg weinte bei meinem Abschied, hatte ich den Eindruck. Auch wenn keine kausaler Zusammenhang besteht, fallen mir doch immer auch in der Aussenwelt Dinge auf, die synchron ablaufen und symbolisch meine Gefühlszustände widerspiegeln. Dies passt natürlich mit dem Weltbild zusammen, dass alles eins ist und das Aussen die Innenwelt spiegelt. Tatwamasi nennt das der Inder – Ich bin das, ich bin Alles. Also weinen wir gemeinsam, auch als Dank für die wundervollen Erlebnisse, die magische Pilgerumrundung des Heiligen Berges Arunachala und auch der Abschied meines neu gewonnenen, tief verbundenen Freundes Matthias fällt nicht leicht.

Goodbey Tiruvanamalai

Noch einmal suche ich das tägliche Meeting mit der verwirklichten Maharishikaa Preeti auf, um ein paar letzte Botschaften mitzunehmen. Das Wichtigste ist wohl, dass wir unter einer guten Führung stehen und auch für uns gefühlt schlimme Dinge aus einer höheren Sicht richtig sind. Bei Unsicherheiten können wir immer mit unserer Seele Kontakt aufnehmen und deren Impulse empfangen, die uns den richtigen Weg immer flüstert. Aber da gibt es immer noch eine recht laute Stimme, die dazwischen quatscht. Wie kann ich die Stimme erkennen, die aus dieser zielsicheren inneren Führung kommt und nicht jene, die lediglich unsere Egowünsche befriedigt. Für mich eine einfache Unterscheidungsmöglichkeit ist, das Ego will, die Seele gibt. Je mehr wir geben, desto mehr bekommen wir. Dieses unantastbare Grundgesetz wollen wir Westler oft nicht wahr haben und wollen immer mehr. Jetzt geht es so nicht mehr weiter und der einzige Weg auf ein lebenswertes Sein auf dieser einmaligen Erde ist, im Einklang mit ihr zu leben und sie nicht weiter auszubeuten. Deshalb ist die Hinwendung zur Liebe das Wichtigste, was die Verbindung zu sich selbst und der ganzen Umwelt voraus setzt. Mit diesem unumgänglichen Vorsatz verlasse ich diesen lieb gewonnen Platz und nehme jede Menge heilvollen Erlebnissen und Begegnungen mit.

Die Begegnung und er Kontakt mit Menschen tut mir so gut.

Nach 5 Stunden komme ich dann in der Hauptstadt Chennai an, ein feines günstiges Business Hotel für 2 Nächte ist gebucht. Nach kurzer Freude über den hohen Standard, die Sauberkeit und das Warmwasser fühlte ich, dass etwas fehlte, eben dieses Herz, das in den kleinen unscheinbaren Dingen zu finden ist. Mit Mitbringseln aus Tiruvanamalai baute mir einen kleinen Altar im Zimmer auf und machte mich auf den Weg raus in die Millionenstadt. Für mich ist es, gerade wenn ich trübsinnig bin, immer wichtig den Kontakt zur Aussenwelt zu suchen und so stolperte ich unweit vom Hotel gleich wieder in einen Ganesha Tempel, der mich sofort wieder auf Spur brachte. Ich wanderte frohen Mutes zum nahe gelegenen Marina Beach, ein berühmter großer Strandabschnitt, an dem immer was los ist und das Meer liebe ich sowieso. Plötzlich vernahm ich aus einer Seitenstrasse Musik, was mich sofort aktivierte und anzog. Trommeln, Trompeten, Menschenauflauf, ekstatischer Tanz, – eine Prozession war im Gange und sofort wurde ich in die tanzende Menge gezogen – wenn ich nur eine Sekunde zum Denken gehabt hätte, hätten mich ängstliche Gedanken wohl davon abgehalten mit den Tänzern in die Ekstase einzutauchen. Es war ein noch nie da gewesenes wildes gemeinsames Schütteln des ganzen Körpers. Ich ließ mich zur großen Freude der Gottesanbeter voll ein und fühlte einen Sog, dem ich erst entkam, als ich völlig durchgeschwitzt war, es hatte ja mindestens 30 Grad;)

Oft sind unsere Gedanken im Kopf ein Ballast und hinderlich für tiefe Erfahrungen.

Als ich berauscht und ausser Atem das Treiben beobachtete, wollte ich es naturgemäß in einem kleinen Video fest halten, um euch so einen kleinen Einblick in mein Erleben zu schaffen. Ich meinte zwar, dies sei gut gelungen, aber bemerkte später, dass nichts aufgenommen war, lediglich 1 Sekunde war mir gegönnt, die ich hier mit euch teile:

1 Sekunde Ekstase 🤩

Da es mir schon öfter passiert ist, dass ich gerne einmalige Erlebnisse aufnehmen wollte und dies nicht funktionierte, oder ich eine Aufnahme hatte und dann wie von Geisterhand von der Festplatte verschwand, vermute ich, dass das ein Zeichen ist. Es ist garantiert meine natürliche Berufung unwiederbringliche Momente fest zu halten, was mein Erfolg als Hochzeitsfotograf, wie auch die eindringlichen Bilder aus meinen eigenen Projekten zeigen. Für mich war Fotografie immer schon das Tool, das mich vollkommen im Moment sein ließ. Im wahrsten Sinn des Wortes kann ich mich ganz ohne Anstrengung auf den jetzigen Augenblick fokussieren, ohne dass mich irgend etwas ablenkt. Auch die Bedienung der Kamera passiert größten Teil ganz intuitiv. Also reinste Meditation, die mir eben hilft ganz besondere Momente zu finden, einzufangen, um dann dem Betrachter einen ungewohnten Einblick in meine Wahrnehmung der Geschehnisse bietet. Mich interessieren Menschen und ihre Emotionen, ihr inneres Wesen und vielfach gelingt es mir eine Beziehung zu Menschen aufzubauen und dann mit dem Ergebnis auch andere zu beglücken. Ich empfinde es tatsächlich als Geschenk es Himmels. Es ist klar, dass ich dieses Gabe ausüben muss und es einen Zweck erfüllt, den ich in seinem ganzen Umfang gar nicht abschätzen kann. – Und trotzdem zeigen mir eben die entgangene Momente, dass nicht alles aufzunehmen ist und ich hier meine Sensibilität noch schärfen darf. Auch wenn mir die Kamera hilft in den Moment ganz einzutauchen, trennt sie mich manchmal vom tiefen bewussten Erleben, dem ich mich immer wieder mit absolut allen Sinnen hingeben darf, um ganz im Moment aufzugehen, – eins mit dem großen Sein. Gerade die Dinge, die uns anfangs oft ärgern, haben, wenn man in die Tiefe blickt, die größten Teachings – Danke für die vielen Geschenke und die einzigartigen Erlebnisse und Erkenntnisse, denen ich mich öffnen darf.

Unwiederbringliche Momente einzufangen macht mir Freude.

Ich habe gelernt, dass Offenheit und Respekt jene besonderen Erfahrungen schafft, die mein Bewusstsein erweitern. – Und auch ich muss immer wieder Ängste überwinden, die mir bei unangenehmen Gefühlen den Rückzug in mein Inneres gebieten würden. Zumindest in Indien schaffe ich es, offen zu bleiben, wie ein unerschrockenes neugieriges Kind stecke ich meine Nase überall hinein, wo sich mir ein Spalt zu neuen Eindrücken auftut – innen wie aussen..

Die unerschrockene Offenheit von unerzogenen Kindern ist mein Vorbild.

Jetzt geht es darum, diese Offenheit auch mit nach Hause zu nehmen. Mein Abflug nach Hause sollte wieder von Kochi aus gehen, wohin ich bequemer Weise in einer Stunde Flugzeit fliegen wollte. Der Plan war gut, aber es kam anders 😉 Beim einchecken hieß es, der Flug sei 12 Stunden verspätet, weil der Flughafen Kochi momentan gesperrt ist – OK – momentan habe ich die Gelassenheit mir geduldig anzuschauen, was das Leben mit mir vor hat. Die ersten 10 Passagiere, bei denen ich dabei war, wurden umgeleitet an einen anderen Flughafen, um dann in 5 Stunden holpriger Busfahrt nach Kochi Flughafen zu fahren. Erstaunlicher Weise hatte ich keinen Moment, an dem mich der Umweg aufregte, d.h. Es hat sich tatsächlich Gelassenheit in mir breit gemacht. Im Gegenteil war noch ein amerikanisches älteres Paar dabei mit dem ich wunderbar unterhielt und Steven war „zufällig“ bei dem großen Innsbrucker Ingenieurbüro ILF in meiner Heimat angestellt. Als wir am leeren Flughafen in Kochi abgesetzt wurden hatten wir abermals Glück, dass uns ein Inder ein günstiges UBER Taxi rief, um ins 1 Stunde entfernte Zentrum zu gelangen, weil wir sonst fest gesteckt wären – ich habe tatsächlich den Eindruck von höherer Stelle geführt zu sein und darf mich dem Fluss hingeben. Ich freue mich auf zu Hause, obwohl ich weiss, dass einige Herausforderungen anstehen. Ich habe eben ein spannendes Leben, das mich stetig lehrt, wie ich auch Schwierigkeiten möglichst gelassen begegne und je mehr mir das gelingt, desto reibungsloser und doch intensiver ist mein Dasein. Gern nehme ich euch auf meine weitere Lebensreise mit!

Schön, dass du hier bist.

Zum Abschluss teile ich noch eine wunderschöne Gepflogenheit hier, die für mich ein Ausdruck von Schönheit, Präsenz und Vergänglichkeit ist. Täglich werden mit Farbpulvern verschiedene Muster und Mandalas vor nahezu jedem Hauseingang aufwändig gestaltet. Im Laufe des Tages wieder weg gewaschen und am nächsten Tag liebevoll erneuert. Ein schönes Symbol für die Vergänglichkeit, die absolut alles hat, ausser die Seele. Also konzentriere ich mich möglichst auf dieses Immerwährende.

Indien ist natürlich nicht nur Idylle, es ist vor allem ein Land der Gegensätze. Not und gewisse Missstände sind unübersehbar. Die Zustände sind mehr oder weniger chaotisch. Alles funktioniert irgendwie, das System dahinter ist für uns Europäer unsichtbar. Es war für mich sehr lehrreich, dass man sich diesem scheinbaren Chaos als Westler anvertrauen kann – man wird nicht verloren gehen. Der Respekt vor meiner Person und meinem Eigentum hat mich immer wieder erstaunt, in Anbetracht der erheblichen Armut. Indien wurde seinem derzeit oft schlechten Ruf nicht gerecht, auch meine Reisebegleitung Manuela konnte hier im Süden nichts von Anzüglichkeiten und Frauenfeindlichkeit fest stellen. Also wagt eine Reise ins Ungewisse – ich komme auf jeden Fall wieder, um dem Geist Indiens und mir selbst noch ein Stückchen näher zu kommen. Zum Abschluss noch mein berührendes Abschieds-Video auf meinem Youtube Channel und ein Gedicht. Vielen Dank, schön, dass es dich gibt! – Gerne Teilen!

Mir fehlen die Worte …

Der Abschied fällt schwer,
Arunachala machte mich leer.
Der Himmel weint,
Alles ist vereint.

Shiva und Shakti sind präsent,
Das hat niemals ein End.
Ich will sie immer ehren,
da sie mich die Wahrheit lehren.

Mein Körper muss gehen.
Mein Geist bleibt hier stehen.
Ich finde es schade,
Danke für die Gnade.

Du hast mir das größte geschenkt,
Die Verbindung mit mir, die mich immer lenkt.
Der Abschied fällt schwer,
Arunachala machte mich leer.

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